
Inspiration
Hier finden Sie eine Sammlung an Texten und Geschichten. Diese dürfen für Predigten und Aktionen verwendet werden.

Passionsfrüchte am Nachttischli
von Anna Näf
Eva und Adam im Coop
Eva und Adam stehen im Coop vor der Gemüseauslage. Adam strahlt und sagt: «Ist diese riesige Auswahl an Schweizer Gemüse nicht toll? Pilze, Karotten, Kohlrabi, Weisskohl … und das, obwohl es schon fast Winter ist!»
Eva nickt fröhlich und rezitiert ihre Liste mit den besten saisonalen Rezepten. Mit leuchtenden Augen beginnen sie, ihre wiederverwendbaren Gemüsesäckli zu füllen.
Gönn dir etwas
Plötzlich hört Eva, wie aus dem Lautsprecher die Stimme eines Werbesprechers sagt: «Gönnen Sie sich mal wieder etwas! Eine leckere Ananas aus Südafrika oder eine ecuadorianische Mango?»
Eva hält inne. «Gott hat uns ja gesagt, wir sollen uns um die Welt kümmern, auf der wir leben. Der Deal war: Er kümmert sich um uns – wir kümmern uns um den Planeten. Darum kaufen wir nur regionale Produkte. Alles andere wäre verantwortungslos …», denkt sie.
«Kümmern Sie sich um sich selbst!», säuselt der Werbesprecher weiter, «Ein exotischer Fruchtsalat ist genau das, was Sie brauchen! Das macht Sie glücklich, zufrieden und produktiv.»
Eva runzelt die Stirn. «Eigentlich hat diese Stimme recht. Soll sich Gott doch selbst um die Erde kümmern – schliesslich hat er sie gemacht. Er gönnt uns nie etwas. Ohne Ananas ist mein Leben völlig geschmacklos. Ich brauche wiedermal eine Abwechslung.»
Geöffnete Augen
Auf einmal sieht Eva all die gelb leuchtenden Bananen, die knalligen Orangen und saftigen Kiwis. Einen kurzen Moment lang kann sie sich noch zurückhalten. «Es wäre doch verantwortungslos …» denkt sie. Doch der Duft der frischen Ananas hat sich bereits in ihrer Nase festgesetzt und die Kontrolle über ihren Körper übernommen. Sie streckt die Hand aus und packt zu.
Passion
«Adam, sollen wir heute Mal einen Fruchtsalat machen?»
Adams Blick strahlt mehr Liebe aus, als auf jedem ihrer Hochzeitsfotos. «Heisst das, ich muss die Passionsfrüchte nicht länger in meinem Nachttischli vor dir verstecken?»
Graphik: Rodja Galli
Erstveröffentlichung bei reflab.ch

Wenn ein durchschnittlicher Sebastian betet
von Anna Näf
Bringt beten etwas?
Wir befinden uns am ersten Tag eines mehrmonatigen Gedankenexperiments. Die Testperson ist ein durchschnittlicher Sebastian. Dieses hochgradig wissenschaftliche Experiment soll herausfinden, ob es etwas bringt, wenn man für das Klima betet.
Das Experiment beginnt
Jeden Morgen, nachdem Sebastians Wecker ihm unsanft die Augen aufgerissen hat, schliesst er sie nochmals kurz und betet:
«Gott, rette unseren Planeten!»
In den ersten Tagen ist keine signifikante Veränderung erkennbar.
Nach einer Mittagspause teilt Sebastians Chef ihm mit, dass an eine wichtige Konferenz in Berlin darf. Er solle am besten gleich den Flug buchen. Sebastian freut sich schon auf die Business Class, als ihm einfällt, dass auch ein Nachtzug nach Berlin fährt. Dann müsste er aber schon am Vorabend abreisen und das Treffen mit seinen Freunden verschieben. Gespannt starrt die diensthabende Beobachterin des Gedankenexperimentes auf ihren Monitor. «Ich kann ja nicht mein ganzes Leben für den Klimaschutz opfern», denkt Sebastian und die Beobachterin holt sich enttäuscht einen Kaffee.
Erste Veränderungen
Am nächsten Morgen betet Sebastian wieder:
«Gott, rette unseren Planeten!»
Er steht auf und bewegt sich in Richtung Dusche, doch etwas fühlt sich falsch an. Seine Brust schmerzt. Er ist nicht sicher, was es ist: ein Herzinfarkt, eine Lungenembolie oder ein schlechtes Gewissen. Nach einem tiefen Seufzer setzt er sich nochmals hin und betet:
«Gott, bitte hilf mir, auch einmal auf etwas zu verzichten. Ich muss ja keine Angst haben, zu kurz zu kommen.»
Unabsichtliches Kopfschütteln
Beim Feierabendbier wird wiedermal über bevorstehende Abstimmungen debattiert. «Global betrachtet spielen doch die Schweizer Emissionen keine Rolle – deshalb brauchen wir keine CO2-Vorschriften für unsere Wirtschaft.» Zustimmendes Kopfnicken breitet sich aus. Nur Sebastian schüttelt den Kopf – und merkt das erst, als sich alle anderen Köpfe ihm zuwenden. «Letzte Woche warst du doch damit noch einverstanden?!», wird ihm vorgehalten.
Obwohl Sebastian sonst jeglicher Konfrontation ausweicht, purzeln diesmal die Worte nur so aus ihm heraus. «Wir müssen in Zukunft sowieso unabhängig werden von fossiler Energie. Je früher wir damit anfangen, desto besser können wir diesen Wechsel gestalten. Wir könnten bei uns in der Firma auch einiges mehr dafür tun.»
Am Boden
Zwei Monate vergehen. Mittlerweile hat Sebastian aufgehört Fleisch zu essen, hat auf Solarstrom umgestellt, ist den Grünen beigetreten und kommt regelmässig zu spät zur Arbeit, weil er fast nicht mehr aufhören kann zu beten. Jeden Morgen kniet er schluchzend und flehend am Boden:
«… und Gott, bitte hilf all den Menschen, die schon jetzt wegen den Folgen der Klimakrise hungern müssen.»
Erst wenn neben den Tränen auch wieder Hoffnung in seinen Augen aufleuchtet, steht er auf und geht zur Arbeit.
Fürs Protokoll
«Die Testperson hat gelernt, Schuldgefühle zuzulassen, Fehler einzugestehen und stellt sich sowohl herausfordernden Diskussionen als auch schmerzhaften Tatsachen», protokolliert die Leiterin des Experiments als Zwischenfazit. Dann hält sie inne und denkt mit einem skeptischen Lächeln:
«Wenn es jetzt auch noch einen Gott gäbe, der aufgrund der Gebete tatsächlich etwas tun würde, dann müssten wir die Leute nicht nur an Klimademos, sondern auch in die Kirche schicken.»
Graphik: Rodja Galli
Erstveröffentlichung bei reflab.ch

Eine Frage der Perspektive
Ein Spaziergänger kommt an einer großen Baustelle vorbei. Er schaut eine Weile zu, wie die Bauarbeiter Steine herumschleppen.
Einer wirkt ziemlich erschöpft. Zu diesem geht der Spaziergänger hin und fragt ihn:
„Grüezi wohl, was machen Sie da?“
Der Bauarbeiter sagt:
„Steine schleppen. Es ist harte Arbeit, ich habe Rückenschmerzen, Durst und Hunger.“
Der Spaziergänger stellt dem Nächsten die gleiche Frage. Dieser sagt:
„Ich arbeite hart, damit ich meine Familie ernähren kann!“
Der Spaziergänger fragt einen dritten Bauarbeiter, der fröhlich vor sich hin pfeift und mit strahlenden Augen sagt: „Ich baue eine Kathedrale!“
[Gedanken zur Schöpfungsinitative]
Kathedralen werden über mehrere Generationen gebaut. Wer heute damit beginnt, wird das fertige Werk niemals zu Gesicht bekommen. Aber dieser Bauarbeiter sieht nicht die schweren Steine. Er sieht das fertige Gotteshaus.
Jesus hat mit dem Bau vom Reich Gottes begonnen. Seither schichten wir Stein um Stein auf. Die Schöpfungsinitiative ist ein weiterer kleiner Stein, den wir fröhlich pfeifend aufschichten, weil wir eine gute Zukunft vor Augen haben.
